Die Frankfurter Allgemeine über Karl Valentin

UNENTBEHRLICHES KOMIK-KAPITAL
Avantgardist und Musikaktivist: Karl Valentin

Von Michael Lentz

“. . . wo sie jetzt liegt, das will ich wissen!” – “Ja, wo sie jetzt liegt, das weiß ich auch nicht, irgendwo wird’s schon liegen.” – “Irgendwo! Freilich liegt’s irgendwo – aber wo – wo ist denn das irgendwo?” – “Irgendwo? Das weiß ich auch nicht, wo das ist – dann liegt’s halt woanders!” – “Woanders! Woanders ist doch irgendwo.” – “Red doch nicht so saudumm daher, woanders kann doch nicht zu gleicher Zeit woanders und irgendwo sein!” – “Aber Frau, so kann nur wer daherreden, wer von einer Brille nicht die geringste Ahnung hat!”
Leuchtet ein, schließlich sind “Irgendwo” und “Woanders” ja Ortsnamen. Und wo findet sich die Brille schließlich? Auf der Stirn. “Aber leider ohne Etui.” Auf diese Weise kann man sein Leben sinnvoll damit zubringen, sprachliche Funktionen so lange zu hinterfragen, bis damit auch das Problem verschwunden ist, weil die Sprache selbst zum zentralen Problem geworden ist. Solche Sabotagen sprachlicher Gebrauchsregeln finden sich bei Karl Valentin und Liesl Karlstadt häufig, ihre Monologe, Dialoge, Stücke und Filme leben geradezu von der Aufweichung alltagspragmatischer Regularien.

Für Sammler ein Muss
Sich verhören, etwas wörtlich nehmen, sich jeweils hartnäckig auf das andere gleichlautende Wort beziehen oder aneinander vorbeireden sind dabei noch die kleinsten Übungen im Valentinschen Kosmos der lustvollen Sprachdekonstruktion. Dass Äußerungen notwendig situationsbezogen sind, wird ebenso kunstvoll außer Kraft gesetzt wie überhaupt routiniert im Hintergrund arbeitende Prozeduren der Kommunikation, die nicht mehr eigens thematisiert zu werden brauchen, mit einem Mal ausdiskutiert werden müssen und somit eine Krise auslösen. Dabei hat Valentin sich selbst zeit seines Lebens scheinbar harmlos immer nur als der Tradition der “Volkssänger” zugehörig betrachtet, mag man ihn auch – mit einigem Recht – als intermedialen Künstler oder Avantgardisten und Musikaktionisten vor Happening und Fluxus sehen.

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Unbeschnittene Digitalisierung steht noch aus
Das Geburtstagsgeschenk für alle Valentin-Fans und solche, die es werden wollen, basiert auf der konkurrenzlosen “Karl Valentin Gesamtausgabe Ton” (Trikont 2002), auf die im Vorwort mehrfach hingewiesen wird. Achim Bergmann und Andreas Koll, die Herausgeber der “Gesamtausgabe”, haben es wohltuenderweise bei einer chronologischen Anordnung der Tondokumente belassen, die somit für sich selbst stehen und dem Hörer eine individuelle Kategorisierung überlassen…

Die Zukurzschallplatte ist schuld
Apropos ausstehen. Hieß es nicht mal “Mensch, werde wesentlich?” Ein Paradestück von Valentins Kunst der Abschweifung ist “Die Uhr von Loewe”. Schon die Ankündigung der populären Ballade von Carl Loewe setzt Maßstäbe der Verhinderung: “Gestatten Sie, dass ich eine Ballade von Loewe zum Vortrag bringe: Die Uhr von Loewe. Ich setze voraus, dass ich mich dabei selbst begleite – mit der Gitarre. Die Uhr von Loewe!” Wunderbarerweise hält der Sänger das ganze Stück über an der Gesangsnummer und der Konzertsituation fest, nimmt immer neue Anläufe, allein es ist halt so viel im Weg, was einmal ausgesprochen gehört. Viermal muss er sich ermahnen, zur Sache zu kommen, kommt allerdings über die ersten Zeilen nicht hinaus: “Ich trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir. Wieviel es geschlagen habe, genau seh ich’s an ihr.” Lieber erzählt Valentin allerhand Geschichten über das Erlernen des Gitarrenspiels (ohne Saiten), den U(h)rgroßvater, einen Streit mit einem Uhrmacher und eine “altmodische Wanduhr”, die als Ersatz für eine an die Wand geschmissene Taschenuhr an einem Nagel in der Brust getragen wird. “Na ja, das gehört nicht hierher. Also: Die Uhr von Loewe!”, kommentiert der verhinderte Sänger. Wer aber ist schließlich schuld an dem ganzen Desaster? Das Medium, nämlich die Zukurzschallplatte: “Leider kann ich Ihnen die Ballade nicht mehr ganz vorsingen, weil auf der Schallplatte dafür kein Platz mehr vorhanden ist. Schade, eine Schallplatte müsste eigentlich einen Meter Durchmesser haben, entschuldigen Sie vielleicht vielmals den plötzlichen Schluss.”

Der plötzliche Schluss. Und seine Vorgeschichte:
Brecht, der 1922/23 mit ihm den Stummfilm “Mysterien eines Frisiersalons” machte, soll Valentin um Rat gefragt haben, was Soldaten fühlen, die in den Krieg ziehen. “Angst ham’s – blass san’s'”, antwortete Valentin, und so wurden die Soldaten in Brechts Bearbeitung von Marlowes “Leben Eduards des Zweiten” weiß geschminkt. Samuel Beckett schrieb dem Valentin-Biographen Michael Schulte auf dessen Frage, ob er einmal dem Komiker begegnet sei, er habe ihn 1937 in Berlin spielen sehen und “voll Trauer gelacht”. Glühende Valentin-Verehrer waren auch Kurt Tucholsky und Lion Feuchtwanger, der ihn als Komiker Hierl in seinem Roman “Erfolg” porträtierte. Auch Josef Ratzinger liebt seinen Valentin und kann ihn auswendig.

Mit der Sprache aus der Sprache
Bedenkt man zudem, dass Karl Valentin vor dem Zweiten Weltkrieg ein in München, Berlin, Zürich und Wien gefeierter Star war, so erscheinen die Umstände seines Todes am 9. Februar 1948 wie eine schauderhafte Groteske: Nach seiner letzten Vorstellung am 31. Januar im “Bunten Würfel” aus Versehen eingeschlossen, muss er die Nacht in der “ungeheizten Garderobe – nur mit einem Stück

Bühnenrasen zugedeckt – verbringen. Davon erholt sich der körperlich geschwächte und seit Monaten kränkelnde Karl Valentin nicht mehr.” Seit längerem hatte der nicht mehr gefragte Komiker vom Verkauf selbst hergestellter Holzwaren in der Nachbarschaft gelebt. Beerdigt wird er “ohne offizielle Anteilnahme der Stadt München”, wie Gunter Fette hervorhebt. Fünf Jahre später hat die Stadt München sich dann einen zweiten Affront geleistet: Anstatt ihn selber zu kaufen, ließ sie den Nachlass nach Köln gehen; für viele heute noch eine Katastrophe, die rückgängig zu machen Münchner Künstler auch schon mal in den Hungerstreik getreten sind.
Die existentielle Komik Valentins ist jung geblieben, die Zeit hat ihr nicht viel anhaben können. Im Gegensatz zu den meisten Volkssängern und Komikern seiner Zeit war seine Kunst nicht untrennbar mit spezifischen zeithistorischen oder politischen Situationen verbunden, auch wenn sie zuweilen im folkloristischen Kleid erschien. Sie zielte auch nicht auf ein Moralisieren, sondern war von Anfang an universal an der weltlichen und damit auch sprachlichen Conditio humana ausgerichtet. Als Radikalkomik macht sie erfahrbar, dass es nicht unbedingt ein Vorteil für den Menschen sein muss, über Sprache zu verfügen, die, kaum hat der Mensch den Mund aufgemacht, über ihn verfügt. Sie macht uns bewusst, warum es tatsächlich so unmöglich ist, mit der Sprache aus der Sprache herauszugelangen. Indem sie dies zeigt, ist sie das beste Antidepressivum, das wir geistig haben.

Der Valentin-Effekt
Karl Valentin und Liesl Karlstadt exerzieren das Scheitern durch – und wir haben erhellende Freude daran. Warum eigentlich? Es ist ja das Schöne, dass wir das nicht genau sagen können. Alles Definieren und Bestimmen hat eben ein Ende, nur der Valentin hat zwei: “Wie möcht denn der sehng, ob i rot sehng kann, wenn i doch aa net siehch, ob er rot sehng kann”, zweifelt er an der Kompetenz des Augenarztes.
Und der Valentin, der will es natürlich immer ganz genau wissen, und wenn es um Genauigkeit geht, darf man auf keinen Fall schludern, eine im Sinne der Sprachökonomie notwendige Unbestimmtheit von Sachverhalten ist nicht hinzunehmen, wie er in seinem frühen Monolog “Das Aquarium” demonstriert, der ihm 1908 den Durchbruch brachte: “Sehen Sie, seit soundso viel Jahren wohne ich jetzt in der Sendlinger Straße, also nicht in der Sendlinger Straße, sondern . . . schon in der Straße, also ich meine . . . also in den Häusern, die wo halt in der Straße sind, weil in der Straße selber könnt man ja nicht wohnen, weil immer die Trambahn durchfährt. Ich wohne im ersten Stock, weil in dem Haus, wo wir da wohnen, ist ein erster Stock, der ist unterm zweiten Stock und oberm Parterre so zwischendrin, da geht bei uns in den ersten Stock eine Stiegen nauf, die geht schon wieder runter auch, aber zuerst geht’s hinauf. Wenn man es eigentlich richtig nimmt, geht ja nicht die Stiegen nauf, sondern wir gehen auf die Stiegen nauf, man sagt eben so.”
Bis heute gibt es keinen deutschsprachigen Künstler, der aus Sprache ein solches Komik-Kapital geschlagen hat wie dieser Münchner Querdenker. Es ist wohl schlicht und ergreifend der Valentin-Effekt – durch Brecht auch unter dem Kürzel V-Effekt berüchtigt.

Der Schriftsteller Michael Lentz, geboren 1964 in Düren, lebt in Berlin und lehrt in Leipzig. Im Herbst erscheint sein neuer Roman “Pazifik Exil”.

F.A.Z., 02.06.2007, Nr. 126 / Seite 22, 2. Juni 2007