Coconami in der Presse

Sheena, ziag dei Dirndl an!

Wien – Wenn man Musik, die nicht so laut und dringlich wie das übliche Geplärre klingt, lange genug in Ruhe lässt, kann daraus tatsächlich Großes wachsen. Aber: Bitte nicht stören! Kein Funk und Fernsehen. Keine Presse. Mundpropaganda und eine zünftige Homebase mit dazugehöriger sozialer “Blas’n” reichen völlig. Das wird schon. Das wird schon werden! Nehmen wir zum Beispiel einen durchaus gastgartentauglichen Hinterhof im Münchener Stadtteil Haidhausen. Sagen wir, dass er sich ungefähr in der Mitte der Weißenburger Straße nahe dem Ostbahnhof befindet.
Dort besitzt ein bis ins kleinste Schnurrbarthaar als bayerisches Original durchgehender freundlicher älterer Herr namens Ferdl Schuster ein im lokalen Künstlervolk wohlgelittenes Zinshaus. In dem kann man oft bis in die frühen Morgenstunden der dortigen, eher streng ausgerichteten Sperrstundenregelung mittels Privatkonsumation trotzen – und so einige nicht vermutete, wirklich schöne Sonnenaufgänge in der Vorstadt erleben. Im Rahmen derer bricht ja eigentlich auch schon wieder die ideale Frühschoppen- und Weißwurstzeit an. Frage nicht. Dass dort dann regelmäßig auch Leute aus dem befreundeten Ausland wie die Linzer Attwenger oder der texanisch-mexikanische Herzensbrecher Santiago Jimenez Jr. gemeinsam mit einer Innviertler Hausmusik nach regulären Auftritten drinnen in der Münchener Stadt später noch gratis die Quetsche auspacken und den niedergehenden Mond anheulen, gilt als mindestens idyllenverstärkend. Es verheißt aber für den nächsten Tag oft nichts Gutes.
In diesem Hinterhof – und gleich um die Ecke im von Ferdl Schuster begründeten bayerisch-japanischen Wirtshaus NoMiYa, in dem Sushi und Brez’n und Weißbier – und Wurst – serviert werden, ist über die letzten Jahre ganz langsam und ohne Druck und Not der Sound von Coconami gewachsen.

Dunkles Brot, komische Hüte

Sängerin Nami und Ukulele-Virtouse Miyaji, zwei gebürtige Japaner, hat es vor Jahren nach Bayern verschlagen. Der eine wollte in München seine Künste als Bäcker im Fach Schwarzbrot und Laugenteig verfeinern – und ist neben Ferdl Schuster zum zweiten Wirt des NoMiYa geworden. Die andere studierte in München klassischen Gesang. Sie begann bald auch Kurse im in Japan völlig unbekannten Studienfach Musiktherapie zu belegen und arbeitet mittlerweile mit Psychiatriepatienten.
Irgendwann ist man also hier hängengeblieben. Irgendwann fand man singend am Wirtshaustisch zusammen. Irgendwann begann die Musik von Coconami zu reifen und zu greifen.
Nach einem 2007 nur in Japan erschienenen Albumdebüt (inklusive einer umjubelten Japan-Tournee) liegt nun beim ebenfalls in der unmittelbaren Nachbarschaft gelegenen Trikont-Label eine erste hiesige CD vor. Die sollte auch unsere Herzen erweitern.
Musik besitzt aufgrund ihrer Unmittelbarkeit, die keinen Genierer und keine Grenzen kennen kann, tatsächlich heilende Kräfte. Und Musik lebt, schon rein entwicklungsgeschichtlich betrachtet, vom Missverständnis. Deshalb krachen hier eingemeindete japanische Volksmusiken wie einige Songs der seit den 1970er-Jahren in Japan abgöttisch verehrten New Yorker Punk-Gründerväter Ramones (Sheena Is a Punk Rocker, I Wanna Be Your Boyfriend und Blitzkrieg Bop) auf eigene, bewusst naive Kompositionen wie 1979 oder Koishii Egao. Alles wird mit Ukulele, Kalimba und Blockflöte zärtlich im Takt gehalten.
Dazu steuert Ferdl Schuster mit würdiger, pathetischer und zitternder, in eine längst nicht mehr existierende weiß-blaue Naturromantik horchender Stimme Klassiker des bayerischen Liedguts wie Mir fahr’n mit da Zilln übern See, Heuschreck oder Isarmärchen bei.
Was jetzt wie Kleinkunstalarm klingen könnte, offenbart sich nach 14 Liedern als wahrer Glücksfall. Coconami verhandeln mit dieser stillen, klaren und sich im Zweifel selbst genügenden Musik das oft gar nicht einmal so ewig Kindliche im Menschen. Gestrandet in Bayern unter fremden Menschen mit eigenartigen Bräuchen, komischen Hüten und dunklem Brot, entsteht so eine Kunst, die tatsächlich beim Hören glücklich macht. Das muss Kunst nicht. Aber schön, wenn es zwischendurch doch einmal klappt.

Christian Schachinger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.10.2008 © derStandard.at 2008