Trauermarsch und Russendisko – Trikont im brand eins Magazin

Brand Eins TrikontTrikont ist das älteste unabhängige Plattenlabel Deutschlands. Eine Firma von Liebhabern exotischer Musik. Die, ganz nebenbei, wertvolle Tondokumente für uns alle retten.

Agnes Pauline Prell, genannt Bally, geboren 1922, Tochter des Münchner Gitarrenvirtuosen und Mundartdichters Ludwig Prell, ein rundes Mädchen mit einer warmen, weichen Altstimme. Sie wird Vortragskünstlerin, interpretiert Kompositionen des Vaters wie “Isarmärchen” und macht eines seiner Lieder unsterblich: “Die Schönheitskönigin von Schneizlreuth” ist eine Parodie auf die in der Nachkriegszeit beliebten Misswahlen in der Provinz. 1953 tritt Prell im legendären Münchner “Platzl” erstmals damit auf. Ganz Bayern lacht über die dicke Bally, die in gerüschtem Kleid, mit Galahandschuhen, Schärpe und Krone Beifallsstürme erntet und fortan mit der Nummer durch Deutschland tourt. Und die doch 1982 einsam und vergessen an Krebs stirbt.

München, Stadtteil Giesing, Kistlerstraße 1. Das Haus hinter der Stehkneipe “Schau ma moi” war früher ein Arbeiterwohnheim. Kleine Fenster, niedrige Decken, knarzende Dielen. Achim Bergmann und Eva Mair-Holmes sitzen in der Küche im ersten Stock und erzählen, wie eine Münchener Dramaturgin sie auf Prell aufmerksam machte. Wie sie herausfanden, dass es eine Nachlassverwalterin gab, dass 85 Tonbänder und 34 Musikkassetten existierten, von Prell bei öffentlichen Veranstaltungen, Radiosendungen, Schallplattenüberspielungen, Probenarbeiten und Familienfeiern aufgenommen. Prell begleitet sich dabei häufig selbst am Klavier, singt neben bayerischen, französischen und russischen Volksliedern auch Kunstlieder der deutschen Romantik, Operettenmelodien und italienische Arien. “Leise erklingen die Glocken vom Campanile” mit tiefem Timbre und bayerisch gefärbtem rollendem R.

In der Kistlerstraße 1 residiert die Trikont Unsere Stimme Verlags GmbH, Deutschlands ältestes Independent-Label. Bergmann, 63, alleiniger Gesellschafter, ist ein großer, stämmiger Mann, der ebenso kenntnisreich wie ausdauernd durch die Enzyklopädie der modernen Musik mäandern kann. Mair-Holmes, die zusammen mit ihm die Geschäfte führt, blond, forsch, vital, kommt schneller und meist fröhlich auf den Punkt. Fragt man sie, was ihn auszeichnet: “Achim geht immer intellektuell an die Sache.” Fragt man ihn, was sie auszeichnet: “Eva ist eine Popmieze.” Bei Bally Prell waren sie sich spontan einig. Es ist eine Doppel-CD geworden, Titel: “Aufnahmen 1955-1977″. Auf der Rückseite der CD steht: “Sie ist eine Besonderheit, ein Original.” In einem Brief schrieb ein Fan über Prells “Isarmärchen”: “Bally, wenn i im Rundfunk dös Lied hör von der schönen Münchner Stadt, muss i jeds mal woana. … So fui Gfui.”

Mehr als 400 CDs hat Trikont in fast 40 Jahren produziert, die, wie der Katalog des Hauses versichert, “die Geschichten aus der heimischen und weltweiten Populärmusik erzählen … und uns mehr zeigen als eine grell bemalte Oberfläche”. Trikont tut das vor allem mit seinen weltweit von Feuilletons gefeierten Sammelalben, etwa aus dem Alpenraum, wozu die Serie “Rare Schellacks” gehört mit Aufnahmen von Volksmusik aus München, Bayern und Österreich, aber auch aus Berlin und Sachsen. Dazu haben sie Musik aus dem griechischen Untergrund 1925-1947, finnischen Tango, frühen Punk aus Großbritannien, weißen Gospel, schwarzen Country und amerikanische Polkas. Sie haben Musik aus Goa, die selbst in Indien kaum einer kennt, Mariachis und Boleros aus Mexiko, Gesänge der osmanischen Sultane, Todeslieder und Trauermärsche aus aller Welt. Fast nichts, was es nicht gibt. “Egal, was deine Definition von guter Musik ist”, schrieb eine Journalistin aus San Francisco, “Trikont hat sie.”

Trikont ist das Gegenmodell zur kommerziellen Musikindustrie. Sie hetzen nicht von Hit zu Hit, von Star zu Star, von Trend zu Trend. Ihre Produkte sind nicht MTV-kompatibel oder taugen für den glatten Einheitssoundmix der Radiosender. Keine Melodien für Millionen, wie auch? Neben Bergmann und Mair-Holmes gibt es drei Angestellte, oft müssen die Kinder der Geschäftsführer aushelfen. Die finanzielle Situation des Verlags beschreibt Bergmann so: “Es ist wie an einer Straßenkreuzung. Man muss immer schauen, wie man über die Straße kommt.” Aufwendige Produktionen gibt es kaum, aktuelle CDs werden mitunter in drei Wochen eingespielt, andere entstanden auch schon mal mit Aufnahmen von Kassettenrekordern.

Und bei all dem ist noch nicht einmal eine Linie erkennbar. “Wir hatten eigentlich nie eine richtige Agenda”, sagt Achim Bergmann. “Wir glauben nur, dass viele Menschen ganz unterschiedliche und vielfältige Musik hören würden, wäre sie ihnen bekannt.”

Wer nach dem Geschäftsmodell sucht, findet es im Firmennamen: Unsere Stimme. Darum geht es Trikont, und wenn sie dabei auf Vergessenes, Verkanntes, Verlorenes stoßen, hat das mitunter weniger mit Kompetenz als mit dem Versagen der Branche zu tun. Für Karl Valentins Nachlass hat sich niemand außer Trikont interessiert. Hätten sie nicht einen Musikverleger in Ville Platte, Louisiana, so lange in dessen Keller geschickt, bis der auf Material stieß, an das er sich selbst nicht mehr erinnerte, wäre die famose neunteilige Serie mit Cajun und Zydeco nie erschienen.

“Und unsere ‘Russendisko’”, so Mair-Holmes, “hätten wir erst gar nicht kriegen dürfen.” Schließlich war die gleichnamige Veranstaltung mit alternativer russischer Tanzmusik des Autors und DJs Wladimir Kaminer im Berliner “Kaffee Burger” Kult; Kaminers Buch bei Bertelsmann verkaufte sich eine Million Mal dabei hat Bertelsmann eine eigene Musiksparte, war aber offenbar nicht interessiert.

Von der Revolution zur Volksmusik

Trikont begann 1967 als linker Buchverlag im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Der Name leitet sich ab von der kubanischen Zeitschrift “Trikontinentale”. Bergmann, der 1969 dazu stieß, erinnert sich: “Wir waren damals hundertprozentig in eine politische Bewegung eingebettet.” Man veröffentlichte Che Guevaras Tagebücher, wie es heißt auf Vermittlung von Fidel Castro persönlich. Es gab Maos kleine rote Fibel. “Wie alles anfing”, die Autobiografie des Straßenrebells Bommi Baumann, wurde verboten und danach illegal vertrieben. Trikonts erste Platte erschien 1971, sie hieß “Arbeitersache – wir befreien uns selbst”. Es folgten Kuriositäten wie eine Platte mit Protestliedern zum geplanten Bau des Atomkraftwerks in Whyl mit singenden Winzerinnen und der “Blaskapelle Rote Noten”. Mair-Holmes sagt: “1975 brauchte die Rockband Ton Steine Scherben Geld für eine Nachpressung ihres zweiten Albums. Trikont sprang ein und übernahm den Vertrieb, wobei Bergmann auf Verlangen der Musiker sicherstellen musste, dass jeder Platte eine Zwille beilag. Solche Art Witze waren bei Spontis damals sehr beliebt.”

Den Buchverlag gibt es nicht mehr, und dass sich der Musikverlag nicht mehr über politische Gesinnung definiert, beschreibt Bergmann als “Findungsprozess”. Sie mussten erst mal erkennen, was sie wollten, und lernen, wie man Geld verdient. “Eine Firma zu sein”, so Bergmann, “war für uns eine brutale Erkenntnis.”

Zu der inzwischen auch gehört, dass sich Trikont seine Rolle als Bewahrer und Wiederentdecker vergessener Raritäten nur leisten kann, weil es eine Reihe von Interpreten und Bands produziert, die durchaus Massen-Appeal haben. Allein von Hans Söllners CD “Hey Staat” verkauften sie bis heute 600 000 Exemplare. Früher waren der Hamburger Poprocker Rocko Schamoni, der Berliner Songpoet Funny van Dannen oder das österreichische Alpen-Punk-Rap-Polka-Duo Attwenger kommerzielle Erfolge, heute ist es La Brass Banda, eine Blaskapelle vom Chiemsee, die einen modernen, funkig-flotten Bayernpop zelebriert, der, so Mair-Holmes, “sogar bei Menschen ankommt, die mit einer Lederhose sonst Probleme hätten”. “Umso schöner”, so Bergmann, “dass unsere Künstler uns genauso brauchen wie wir sie, weil sie woanders wohl keine Chance gehabt hätten.”

“Sie verschaffen Stimmen Gehör”, sagt Kalle Laar, “die im Mainstream sonst untergehen würden.” Laar ist Musiker, Tonkünstler, DJ. Ein Multitalent mit Hang zu extravaganten Klangexperimenten. Auf der Biennale in Venedig war er einmal mit einer Telefonleitung zu einem Gletscher vertreten. Für Trikont hat Laar sechs CDs mit Versionen von “La Paloma” zusammengestellt, 141 Versionen des “Opus Magnum maroder Matrosen und Matronen”, wie es das Wiener Magazin “Falter” nannte.

Mair-Holmes sagt: “Als Kalle die erste CD vorschlug, sagte ich: ‘Nur über meine Leiche’.” Doch dann erkannten sie, dass die Taube im Sturmwind die Welt verbindet. Im Banat in Rumänien wird das Lied bei Beerdigungen unverheirateter Männer gespielt. Auf Sansibar als Abschiedslied bei Hochzeiten. In Mexiko dient es als Ruf zu den Waffen. In Jamaika ist es eine Dub-Nummer. Alle berühmten Tenöre außer Caruso haben “La Paloma” interpretiert, mindestens sieben Länder reklamieren die Urheberschaft für die Komposition. Laar: “Da kommen selbst ‘Stille Nacht’ und ‘Yesterday’ nicht mehr mit.”

Trikonts “La Paloma”-Serie wurde ein sensationeller Erfolg, und Laar gilt seither als weltweit führender Experte zum Thema. Dennoch, sagt er, sei er viel stolzer auf die Zusammenarbeit für Trikont mit dem Jazzgitarristen Coco Schumann, einem Holo-caust-Überlebenden, der in Musikkapellen in den Konzentrationslagern Auschwitz und Theresienstadt spielte.

Schumann ist 86. Was wäre von diesem Künstler und Zeitzeugen ohne Laar und Trikont für die Nachwelt erhalten geblieben? Wohl kaum die Aufnahme eines Auftritts im Berliner “Rex Casino” von 1955, die Laar auf einem zuvor dutzendfach überspielten Tonband entdeckte. Es sei doch “ein Wahnsinn”, sagt der, wie nachlässig die moderne Konsumgesellschaft mit Klangdokumenten umgehe. Jeder Kaffeelöffel, jeder Modefummel, jeder platte Werbespot werde katalogisiert, archiviert und museal aufbereitet. Seine 15 000 Platten, die auch politische, wissenschaftliche oder esoterische Aufnahmen umfassen, nennt er “Das temporäre Klangmuseum”, das er mit Performances als DJ ständig “in den öffentlichen Raum zurückbringt”.

Die Welt ist voller Klänge. Nur wer verschafft der Öffentlichkeit den Zugang dazu? Der Sammler sammelt egoistisch. Die Industrie konserviert wenig außer klassischer Musik. Museen oder ambitionierte, alle Genres umfassende Sammlungen gibt es nicht. Dieses Vakuum ist Trikonts Chance. Dass sie sie überhaupt nutzen können, liegt vor allem an einem über Jahrzehnte entstandenen Netzwerk von Musikliebhabern und -experten, immer auf der Suche nach verlorenen Preziosen. Publizisten wie Jon Savage haben für Trikont CDs zusammengestellt, DJs wie John Peel, Journalisten, die weltweit in den Archiven von Musikverlagen stöbern. Exzentriker wie der Österreicher Radio-DJ Fritz Ostermayer, zu dessen zahlreichen Schrullen das Dokumentieren von Todesmärschen gehört. Die BBC hat die Leute, die für Trikont arbeiten, einmal “Männer und Frauen mit goldenen Ohren” genannt.

Damit könnte auch Jonathan Fischer gemeint sein. Der Musikjournalist sitzt mit Bergmann und Mair-Holmes am Küchentisch in der Kistlerstraße, wo sie schon viele gemeinsame Projekte besprochen haben. Fischer ist der Mann für Trikonts US-Kompilationen. Afroamerikanische Gefängnismusik. Politischer Soul. Lieder über Muhammad Ali. Weit mehr als ein Dutzend CDs hat Fischer, Sohn eines Missionars, der bis zu seinem neunten Lebensjahr in Tansania aufwuchs, für Trikont produziert. Er hat dafür den Gründer der Black-Panther-Bewegung ausfindig gemacht und im Garten eines schwarzen Musikers ein Okrabeet umgegraben, um ihn zur Freigabe eines seiner Songs zu bewegen. Wenn man Fischer fragt, warum er das alles macht, sagt er, er frage sich das manchmal selbst. Er wisse nur, dass es wichtig sei, “Musik über ihre Geschichte zu begreifen und zu erzählen”.

Zu Trikonts CDs gibt es ausführliche Begleithefte. So erfährt man durch Fischers CD zu schwarzer Countrymusik, wie stark diese vermeintlich “weiße Musik” von Soulsängern beeinflusst wurde. Erst als clevere Musiker wie Hank Williams sich mit schwarzen Kollegen austauschten, schreibt Fischer, “wurden aus den Hinterwäldlersongs echte Hits”.

Nicht jeder muss das wissen, nicht jeder kann mit exotischer Musik etwas anfangen. “Es hat uns ja keiner gesagt, macht die ‘Raren Schellacks’, darauf wartet die Welt”, sagt Mair-Holmes. “Es ist aber immer wieder erstaunlich, was es bewirkt, wenn es dann da ist.” Es hat ihnen auch niemand gesagt, sie sollten eine Doppel-CD über den Kraudn Sepp machen, einen schnauzbärtigen Bauern und Zitherspieler aus dem Isartal bei Bad Tölz, der sich bis zu seinem Tod unnachahmlich durch Heimat- und Wildererballaden, Zwiefache und Landler krächzte und zupfte und mit anzüglichen Gstanzln, in Versform vorgetragenen Couplets, durch das Unterholz der bayerischen Volksmusik pflügte. Und dabei ihre anarchistische Seele bewahrte. Heute werden die “Raren Schellacks” vom Feuilleton als früher Punk des Brauchtums gefeiert, von Oberbürgermeister Ude gab es dafür die Medaille “München leuchtet”. Und der Kraudn Sepp gilt jungen Volksmusikanten längst als eine Art Johnny Cash des Voralpenlandes. Bei Josef Bauer, wie er bürgerlich hieß, aus dem bayerischen Bauerndorf Gaißach lag zwischen spätem Ruhm und Vergessenheit ein kleiner Münchener Musikverlag.

Und Bally Prell? Die saß, als ihre Karriere als komische Kammersängerin längst vorbei war, in ihrer Wohnung in der Münchener Leopoldstraße, bearbeitete, beschriftete, überspielte, choreografierte ihre Tonbänder und Kassetten akribisch und besprach sie mit kleinen Botschaften. So ist auch ein Vorwort zu einer Familienfeier überliefert, Gelächter, klappernde Biergläser, im Hintergrund rumpelt die Straßenbahn: “Also, mein liebes Tonband, ich hab nur den einen Wunsch, mach mich einmal populär, weißt du, ich bin sehr begabt, stimmlich vor allen Dingen, und das ist jetzt die einzige Chance, die ich habe …”

So soll es sein. Die Regisseurin Doris Dörrie, erzählt Eva Mair-Holmes, habe ihr gesagt, nachdem sie Bally Prell durch Trikont entdeckte: “Dieses Leben muss man verfilmen.” -

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