Mit Wurst und Poesie: „Scheibe Eins“, das Debütalbum von Zwirbeldirn

Artikel aus der ABENDZEITUNG von Christian Jooß, vom 16.11.2011

Bei den Volksmusiktagen im Fraunhofer wurden sie gefeiert – jetzt präsentieren die Zwirbeldirn ihr Debütalbum „Scheibe Eins” bei Trikont.

Mit feuchten Augen schluchzen die Geigen: „Eleonor”. Wer mitzählen mag, erkennt im Fluss der Gefühle einen selbstverständlichen 7/8-Takt. 2007 trafen sich Zwirbeldirn bei den Steiririschen Geigentagen. Ihr Auftritt bei den Volksmusiktagen im Fraunhofer wurde zu 2008 zu Recht mit dem Fraunhofer Volksmusikpreis ausgezeichnet.

Auf der Bühne präsentierten sich Maria Hafner, Evi Keglmaier und Beatrix Klöckner, singende und geigende Damen, die in ihren Rollen zwischen fröhlicher Exaltiertheit, grantigem Humor und stirnrunzelnder Abgeklärtheit eine runde Girl-Band-Besetztung ergaben. Simon Ackermann am Kontrabass ist stoisches Gegengewicht.

Das Münchner Trikont-Label hat jetzt mit ihnen ein Album produziert: „Scheibe Eins” heißt es – und schafft ohne atmosphärischen Verlust die Übersetzung dieser agilen Bühnengruppe in eine Studioproduktion. Der „Nussbaum” steht in den ukrainischen Karpaten, für den „Hausball bei Brezina” hat man sich in Ungarn paprizieren lassen. Eine Vilshofener Klarinettenhandschrift wurde der Eingang und die gute „Eleonor” kommt aus Makedonien.

„So ist ein Boy” ehrt die Jakob Sisters und zeigt, was Volksmusik heute kann – Traditionen nicht als Rückzugsort vor einer furchteinflößenden Außenwelt begreifen, sondern mit Lust erspüren, wie unsere Welt zusammenhängt. Natürlich stehen schon die deutschen Jakob Sisters in den 60ern in einem transatlantischen Gedankenaustausch mit US-Gruppen wie den Andrew Sisters. Verfolgt man die Girl-Groups rückwärts, landet man bei den Vokalgruppen, der frühen Countrymusic. Unübersehbar, dass deren Dreigesang von Auswanderern als Idee importiert wurde.

Dass das bei Zwirbeldirn zu einer amerikanischen Coverversion führt, hat eine musikalisch selbstverständliche Logik: Gillian Welchs und David Rawlings’ „Dear Someone”. Ausnahmsweise packt man hier das Instrument aus, dass sich in den Rucksäcken der Backpacker insektoid weltweit ausgebreitet hat: die Ukulele. Auf dieser Klangbasis funktioniert auch das eigene Weiterdenken. Zwirbeldirn schaffen eine bayerische Stadionhymne und „Wurst & Poesie”, ein fröhlich metzgerndes Couplet, das Bally Prell in den 50ern mit Begeisterung übernommen hätte.

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