Hugs And Kisses – tender to all gender

US-0446-HUGSandKISSES-CoverSounds By Queer Musicians

Compiled by Christiane Stephan

 

Junior Senior / Tubbe / Lesbians On Ecstasy / Scream Club / Kumbia Queers / Hungry Hearts / Kids on TV / Bernadette LaHengst / Hard Ton Disco Queen / Crazy Bitch In A Cave / Rae Spoon / Scott Matthew / Sookee / Light Asylum / Princessin Hans / Peaches

Fragwürdig, seltsam, leicht verrückt – wer sich die ursprüngliche Bedeutung des englischen Wortes „queer“ ansieht, stößt auf viele Übersetzungen,.Nur wenige davon waren sonderlich schmeichelhaft als damit vor einigen Jahren noch vornehmlich Homosexuelle bezeichnet, genauer: beschimpft wurden. Heute hat queer nicht nur für all jene, die sich selbst so bezeichnen, einen durchweg positiven Klang. Queer, das steht längst für selbstbewusste Normabweichung und Vielfalt, für Eigensinn und sexuelle Emanzipation.

Nun aber muss man die Bedeutung von queer abermals erweitern: queer steht auch für musikalische Bandbreite. Denn das nicht kommerzielle Szenemagazin „Hugs and Kisses“, das seit fünf Jahren alle 6 Monate erscheint, hat den Sound ihrer Freund_innen, ihrer Szene, ihrer Partys auf einem bemerkenswerten Sampler kompiliert. Er heißt wie das Motto der Zeitschrift – tender to all gender – und zeigt das ganze Spektrum jener Musik auf, die im queeren Kosmos gehört, geliebt und gelebt wird.

Christiane_Stephan©Gerald_Chors

Die Herausgeberin Christiane Stephan (Foto: Gerald Chors)

Auf dem Sampler haben sich die unterschiedlichsten Künstler_innen zusammengefunden: bekannte Namen und Newcomer, Undergroundstars und Tanzflächengrößen, Trashvirtuosen und Chartskompatible. Ihr Umfang reicht dabei weit über das hinaus, was seit Discozeiten unter „irgendwie anders als heterosexuell“ geprägten Klängen verstanden wird: Vom nostalgisch aufgepeppten HipHop-Funk Can I Get Get Get des dänischen Popduos Junior Senior als Auftakt bis zu Princessin Hans’ theatralischen Gypsyrock Passive Aggressive Romantic Obsessive Richtung Finale, vom federleichten Eurodance In Your Face der norwegischen Performance-Gruppe Hungry Hearts bis zur elektronischen Politkparole Free Pussy Riot der kanadischen Exilberlinerin Peaches.
Daneben steht der getragene technoide New Wave des Berlin-Münchner Elektroduos Tubbe (5 Minute Love), Kumbia Queers fröhlich verspielter Balkan-Housepop Tiro Al Blanco, Unterbrochen von Elektroclash der populären Sorte – zum Beispiel von den kanadischen Kids on TV und dem New Yorker Neo-Indiewave-Duo Light Asylum.
tender to all gender versammelt also eine Menge dessen, was das Herz mit größerem Hang zu digitalen als analogen Klängen begehrt: deutschsprachigen Breakbeat-Rap der Feministin „Quing of Berlin“ namens Sookee oder Crazy Bitch In A Caves operettenhaft androgyne New Disco Dance All Night aus Wien. Partyorientierte Technonummern wie Party Time von Scream Club, natürlich hochpolitische Mitdenklieder à la Ein Mädchen namens Gerd von der Popaktivistin Bernadette La Hengst.
Die Zusammenstellung ist bei aller tanzbaren Elektroniklastigkeit ebenso umfassend wie abwechslungsreich und dabei ziemlich emblematisch fürs Lebensgefühl des independent Undergrounds. Was sie allerdings nicht ist und nicht sein will, ist eine Antwort auf die Frage: was ist queere, geschweige denn homosexuelle Musik? tender to all gender liefert weder Definitionen noch Schubladen – nicht mal eine Orientierungshilfe. Die 16 wohlsortierten Stücke zeigen bloß auf, welche Möglichkeiten es gibt, sich jenseits der heteronormativen Wirklichkeit Gehör zu verschaffen. Das Geschlechterverhältnis aktiv durchbrechen tun höchstens die Künstler_ innen und dahinter; ein wie auch immer geartetes Selbstbewusstsein queerer Musik formt sich am Ende erst im Ohr des Publikums. „Es geht uns schließlich nicht um Gleichmacherei“, sagt Christiane Stephan, Herausgeberin der Hugs and Kisses. Statt alle über einen Kamm zu scheren, will ihr Magazin samt Compilation lieber „alle möglichen Geschlechter in ihren Unterschieden feiern“. Sie nennt das „Identität als Prozess“. Musik ist da nur der Schlüssel ins Universum der Andersartigkeit, die tender to all gender feiert, als gebe es ein Morgen. Und sei es mit den Mitteln des Pop.

A Compilation By Hugs & Kisses Magazine

www.hugsandkissesonline.de

 

Pressestimmen:

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Tanzkracher aus der Community

(TM) Wenn es ein Musikgenre gab, das in der Geschichte als Selbstermächtigungsorgan der Homosexuellen gedient hat, dann war es Disco – nicht zuletzt liegen die Anfänge der erfolgreichen Discokultur in den schwulen New Yorker Clubs der 70er-Jahre. Kein Wunder also, dass Disco auf der vorliegenden Compilation „Hugs and Kisses“ einen großen Raum einnimmt.
Das queere Magazin Hugs & Kisses, das seit fünf Jahren halbjährlich erscheint, hat bei Trikont diesen Sampler zusammengestellt, auf dem es herausragende Tanzkracher aus der Community vorstellt.
Mit dabei sind so illustre Namen wie, Bernadette La Hengst, Scott Matthew, Peaches (mit ihrem aktuell politischen „Free Pussy Riot!“), Light Asylum (yes!), aber auch Underground-Größen wie Lesbians on Ecstasy, Kumbia Queers, Sookee oder Hungry Hearts, die vor sehr eindeutigen Texten nicht zurückschrecken (sagen wir so: das Wort ‘Pussy’ sollte sowieso nicht nur Namensteil einer russischen Punkband sein).
Und nicht nur Disco kommt zum Zug, sondern man bekommt auch Gelegenheit, das Neueste von queerem Hip-Hop über Indiepop bis zu Gypsyrock. Die queere Community hat sich eben schon immer durch Abwechslungsreichtum ausgezeichnet.

 

culturmag.de

 

„Music with content should be fun and danceable“, was hier so schlüssig im Booklet zu lesen ist, gilt ja seit jeher als Maxime der queeren Szene. Techno, Acid, House, all das bringt man ohne weiteres mit der schwul-lesbischen Tanzkultur in Verbindung – dass abseits der schillernden Clubgrößen auch bislang unbesetzte Genres wie Darkwave und Rap erfolgreich bespielt werden, möchte das halbjährlich erscheinende Hamburger Magazin Hugs And Kisses mit seinem Sampler „Tender To All Gender“ vermitteln. Und so finden sich neben den vertrauten Funkbeats der Dänen Junior Senior, Lesbians on Ecstasy aus Montreal, dem Scream Club aus Olympia/Washington und dem bizarren italienischen Danceduo Hard Ton Disco Queen auf dem Sampler auch einige Überraschungen, die durchaus nicht jedem geläufig sein dürften: So das mexikanisch-argentinische Sextett Kumbia Queers, das lateinamerikanische und afrokubanische Rhythmen angstfrei durch den Sequenzer dreht und mit den altbekannten Posen des Machismo bricht – sie nennen es Tropipunk, whatever. Auch dabei der Australier Scott Matthew, hier mit einem Stück seines letzten Albums „Gallantry’s Favorite Son“. Matthew setzt in „No Place Called Hell“ zu gemütlicher Schunkelei gallig-bitteren Zeilen, die einem die Nackenhaare aufstellen: “They break our ties and tell us that our thoughts are lies, because we know there’s nothing on the other side called hell and they can’t seem to keep us down. Are you scared ’cause your losing control? Are you scared ’cause your losing that hold?” Passende Wiederaufführung dann für Bernadette La Hengst und “Ein Mädchen namens Gerd”, ein bissiges Stück, das man schon von der ebenso feinen Cash-Huldigung “A Boy Named Sue” (Trikont) kannte. Der Eurodance der Hungry Hearts aus Norwegen wiederum könnte beiläufig und lau dahinplätschern, wären die textlichen Einschübe nicht von so unverstellter sexueller Eindeutigkeit, dass die Formatradiotauglichkeit sofort wieder zum Teufel ist (“I want your pussy in my face, your fingers up my arse, your lips around my clit, your hands on my tits, I just wanna fuck you on the floor until your pussy’s sore”) – nix mit ESC also. Zwei weitere Aufmerker dann gegen Ende der Compilation – die Berlinerin Sookee kickt mit „Siebenmeilenhighheels“ den HipHop aus der Hetero-Schublade und Light Asylum aus Brooklyn schaffen es gar, mit ihrem Stück „Dark Allies“ (obschon etwas älter) gleich mehrere Vorurteile zu beerdigen – Newgoth als quasi geschlechtsloses white mens thing ist mit diesem Duo wohl endgültig vorbei. Neben den zahlreichen gesellschaftspolitischen Statements – hier natürlich auch Peaches „Free Pussy Riot“ – ist das also der nicht eben kleine Verdienst der vorliegenden Sammlung: Vielfalt, Extravaganz und Selbstverständnis gleichermaßen aufzuzeigen, ohne auf den Spaß verzichten zu müssen.

 

mapambulo.blogspot.de