Eric Pfeil über Stimmen Bayerns und Kofelgschroa im faz.net Blog

25. Juli 2012

(…) Wo ich schon grad über einen Bayern schreibe:
Obzwar ich ja durch und durch Rheinländer bin und ich mir mein Flickenclown-Kostüm selbst außerhalb des Session immer wieder überstülpe und bepappnast meine Mitmenschen erfreue, hege ich starke Sympathien für die Bayern. Viel trennt den Rheinländer und den Bayern ja ohnehin nicht, auch wenn beide das vermutlich nicht wahrhaben wollen.
Nicht zuletzt deshalb habe ich gerade große Freude an drei Veröffentlichungen des nicht genug zu bejubelnden Trikont-Labels, namentlich der Reihe „Stimmen Bayerns”. Hierzu haben die Labelmacher aus ihren Beständen Lieder und Texte zusammengesucht, die sie thematisch geordnet auf den CDs „Die Liebe”, „Der Tod” und „Der Rausch” versammelt haben. Zu hören sind so unterschiedliche Künstler wie Karl Valentin und Liesl Karlstadt, Horst Tomayer, Georg Ringswandl (Dylan auf Bayrisch), Cleo Kretschmer, Gerhard Polt, Gustl Bayrhammer, Wolf Wondratschek, Walter Sedlmayr, Franz Dobler oder Helmut Fischer (letzterer mit dem Monaco-Franze-Kracher „Spatzl, schau wie I schau”). Den Anspruch, „die Seele Bayerns” einzufangen, haben die Labelmacher locker eingehalten. Auch taugen alle drei CDs gut zum Erschrecken von Indierock-Langweilern. Allerdings ist es eine andere Trikont-Veröffentlichung, die dieser Tage bei mir rauf und runter läuft.

Das Eigensinnigste, Beste, Schönste, Roheste, was ich seit Langem gehört habe, ist die Band Kofelgschroa aus Oberammergau.
Kofelgschroa sind vier junge Herren, die eine Art Bajuwarana-Trance-Punk machen. Punk wegen des rohen, unprofessionellen Gestus, Trance wegen der Sogkraft ihrer langen, repetitiven Stücke – und Bajuwarana wegen des Rests. Man ahnt, dass diese vier jungen Burschen Zeit ihres Lebens von bayrischer Volksmusik umgeben gewesen sein müssen, so selbstverständlich wird das musikalische Idiom hier genutzt: Zu pumpender Ziehharmonika, stampfender Helikontuba und ein bisschen Nylonsaitengitarre singen sie ihre Lieder, die, gleichwohl oft mollen und voller Daseinsskepsis, tüchtig zu euphorisieren verstehen.
Aufgenommen hat diesen wie selbstverständlich aus Stuben- und Wirtshaus-Musik zusammengeflossenen Folk der Notwist-Bassist Micha Acher. Das ist wichtig: Acher hat die Band „aufgenommen”, nicht „produziert”, denn mehr als „aufnehmen” muss man diese Musik nicht. Allerdings bedurfte schon allein die Produktion eines Tonträgers, wie man hört, einer gewissen Überredungskunst.
Kofelgschroa singen, das sollte man hier bereits ahnen, kein Spider-Murphy-Gang-Bayrisch, statt dessen purzeln ihnen harte, kantige Brocken aus dem Mund, die zur rumpelnden, aber immer gelassenen Musik passen. Man könnte auch sagen, die Band klinge so, wie die Mitglieder heißen: Maximilian Paul Pongratz, Michael von Mücke, Martin von Mücke und Matthias Meichelböck.
Wunderbar rohe Musik voller Lakonie, Sehnsucht, Humor und jetzt-mal-halblang-Attitüde. Interessierten seien als „Anspieltipps” die Stücke „Sog ned” und „Wäsche” empfohlen. Amazon führt das Album unter „Weltmusik”, nun ja.

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