I am not an Indian, my name is Pierre Brice.


I am not an Indian, my name is Pierre Brice.

Eine Erinnerung von Claus Biegert

Winnetou wurde dringend gebraucht. Für den Englisch-Unterricht an Gymnasien sollte ich Ende der siebziger Jahre im Auftrag des FWU ein Video produzieren, dass sich mit dem Indianer-Klischee und der Indianer-Wirklichkeit auseinander setzte. Begeistert sagte ich zu.  Dann kam die unvermeidliche Frage: Wie würde der Sprung von der Phantasie zur Realität zu meistern sein? Mit einem Hollywood-Indianer? Nein! Das konnte nur Winnetou. Er wurde gebraucht, aber wo war er?Seit seinen Cinemascope-Tagen mit Old Shatterhand Lex Barker hatte Pierre Brice noch einmal nachgegriffen, eine Fußnote sozusagen, die er seiner Popularität schuldete, nachdem die Karl May-Geschichten ja nachweislich (sein Band „Winnetous Erben“ ausgenommen) ein Wildwest-Kuddelmuddel waren. Mit Hilfe eines französischen Teams, zu dem auch ein Ethnologe gehörte, entstand in den Siebzigern in Mexiko die TV-Serie „Mein Freund Winnetou“. Winnetou war der Nebendarsteller und Freund eines jugendlichen Komantschen (bei Karl May Erzfeinde der Apatschen) und das Script versuchte, die letzten Tage des 19. Jahrhunderts zu erfassen, die Gräuel des Massakers von Sand Creek mit eingeschlossen. Old Shatterhand tauchte auch zwischendurch auf, mein Glück, denn er wurde von Siegfried Rauch verkörpert. Und das war der Sigi, ein alter Freund vom Staffelsee, wohnhaft in Obersöchering. Mit seiner Hilfe fand ich Winnetou.

Das erste Telefonat ist mir noch gut in Erinnerung. Ich stand an meinem Schreibtisch in der WG in der Blumenstraße in München. Wenn man mit Winnetou telefoniert, kann man nicht sitzen, man muss stehen. Er sprach das charmante Franzosendeutsch, das alle Franzosen sprechen, auch wenn sie nicht charmant sein wollen. Ich erklärte mein Projekt, versuchte den Protagonisten zu beschreiben, den ich für meinen Film brauchte: Winnetou, der ehrlich genug war, zuzugeben, dass er nicht Winnetou war. „Wollen wir uns in Elspe treffen?“ „Ja“, sagte ich, „treffen wir uns in Elspe.“ Elspe: Das waren die Karl May-Festspiele im Sauerland. Wir verabredeten uns zum Abendessen; das Filmteam aus Köln bestellte ich für zwei Tage danach.

Wir saßen schließlich um den Tisch, Pierre, seine Frau Hella und ich, es gab Steak mit Kognak-Sauce (auf seinen Wunsch, der Koch hatte Vodka vorgeschlagen) und der Bretone Brice  (sozusagen ein Indianer Frankreichs) beschrieb gleich nach der Vorspeise seine politische Position: „Je ne suis pas vert, je suis Gaulliste!“(Ich bin kein Grüner, ich bin Gaulliste). Ich legte im Gegenzug mein grünes Bewusstsein auf den Tisch. „Egal“, sagte er, „wir können trotzdem Freunde werden.

Wir wurden schnell Freunde. Beim Dreh ritt Winnetou auf seinem schwarzen Hengst vor die Kamera, sprang vom Pferd, nahm die Perücke ab und sprach: „I am not an Indian, I am an actor, my name is Pierre Brice.“ Dann ging er mit seinem Pferd am Halfter auf die Kamera zu, der Kameramann wurde rückwärts übers Stoppelfeld geführt, Pierre sprach Englisch und las ab, was Hella auf großen Blättern vor ihm hertrug. Kein Proben, keine Pannen, er war ein Profi. Sein Statement, das mit Karl May begonnen hatte, endete in der Gegenwart mit dem Satz: „Genozide against native people is still happening – all over the world.“ Mitte der achtziger Jahre wurde „White Man’s Phantasy, Red Man’s Reality“ veröffentlicht und im Fach Englisch deutschlandweit eingesetzt.

Jahrzehnte später, 2009. Ich arbeite an einer Compilation indianischer zeitgenössischer Musik. Das Album soll unter dem Titel „Native America Calling“ im Münchner Label  Trikont-Unsere Stimme erscheinen. Auf den Reservaten hat sich in den neunziger Jahren Rap als grenzübergreifendes, musikalisches Stilmittel etabliert. Stammesklänge, Naturgeräusche und Alltagstöne (zum Beispiel TV-Nachrichten oder Stimmen auf dem Anrufbeantworter) werden mit den trommelgestärkten Anklagen gegen die weiße Welt oder die Naturzerstörung gekoppelt. Ich habe einen Stapel CDs vor mir und höre mich durch die indianische Hip-Hop Szene. Plötzlich eine bekannte Stimme, ich zucke zusammen, erschrockener Blick auf den CD-Player: „ Genozide against Native People is still happening – all over the world.“ Was geht hier vor? Well, mein Video hat irgendwie den Weg ins Indianerland gefunden, und der Rapper Julian B. hat sich daraus geholt, was er brauchte. Das Stück heißt “Genocide in Progress”. Winnetous Worte haben ihren Weg zu den Indianern gefunden.

„Native America Calling“